Prag

Productive discussion in Prague
Oktober 7th, 2005

On Wednesday our project had to pass his practical test. The “judgement day” of the project had come… Our Czech partners had provided means for a discussion at the Katedra Kulturologie of Prague. Besides our project partners there were four interested students from this faculty (which contains about 140 students) who attended the discussion. The purpose of this get-together was tointroduce ourselves, to introduce our work and to tell about our visions for cultural students networking. We tried to convince our guests of the urgency of the matter and to carry over our enthusiasm for hidden chances of European scientific exchange. In the course of the conversation we were beginning to understand why most of the students that were not involved into the project reacted with hesitation and scepticalness. One participant said that she wouldn`t understand why it would be so interesting and important for us to make research into young Czech students cultural surrounding. Of course we were very pleased with this honest and generative entry into the discussion… The next issue the students worried about was the financing of the project. In this connection one said that she would envy us for our positive thinking and that she couldn`t imagine Czech students to do the same. She went on saying that she would love the idea and that she would look up to our idealism and naivety. Most of the discussion members said they were impressed that we actually came to Prague, knocked on the department`s door, sat in that discussion room, went ahead and did something for our idea. We were also receiving constructive feedback of our project participants. At the end of the one hour discussion we were pretty happy because all of our guests were appreciating our visit and our aims. Then a period of Czech speaking began - all students got some kind of angry that the official side from university was not really responding to our actions. Our four guests soon expressed huge interest and motivation. We were repeating our invitation to germany a lot of times and they said they would be willing to attend our conference. Later we went into the literature café of Prague talking, questioning and making plans for the evening… This is how possibilities can become realities.

Silviya Kitanova
Ulrike Gerhardt

Geschichten aus Prag
Oktober 1st, 2005

Der tschechische Name für Prag - Praha - wurde von den Tschechen mit Lippen und Odem sanft geformt, ist vom Geschlecht der Mütter, Frauen und Geliebten. An dieser Bezeichnung kann man die innige Verbindung der Tschechen zu diesem Ort ablesen. “Prags Liebhaber” assoziieren mit den Vorzügen ihrer Stadt oft den warmen Schoß und die offenen Arme der Mutter; auch der lächelnde Mund einer Frau, der Reiz und die Anmut eines blühenden, weiblichen Leibes und die Gelegenheit zu Rast und Meditation in lauschigen, städtischen Winkeln lassen genug Spielraum für sprachlich- freie Verknüpfungen… Auch die typisch- touristischen Prager Charakteristika weisen Komponenten auf, die sich eher femininen Kategorien zuordnen ließen. Prag gilt als melancholisch, zauberhaft, bizarr, geheimnisvoll, anmutig, stürmisch, rätselhaft, sentimental, majestätisch, exquisit, königlich, sehnsüchtig, opulent, romantisch, holprig und zart… Diese vermeintlichen, adjektivischen Eigenschaften Prags wurden selbstverständlich leider längst durch emotionalisierende Marketingstrategien eingespeist und neu lackiert.

Prag ist trotzdem eine Stadt, die schon immer von stimulierender Pluralität geprägt war. Sie wurde in über tausendjähriger Geschichte von ihren tschechischen, deutschen und jüdischen Mitbürgern gestaltet. Italiener, Franzosen, Spanier, Ungarn und Polen haben in ihrem Gesicht Spuren hinterlassen. Prag, “die goldene Stadt” mit ihren Kuppeln und hunderten Türmen, die sich von der Karlsbrücke aus in die Dämmerung des Moldaubogens schmiegt, gilt als Inbegriff für Harmonie und Schönheit. Doch der viele der friedlich wirkenden architektonischen Höhepunkte der Stadt, ihre Paläste, Kirchen und Kathedralen, sind gleichzeitig Machtdemonstrationen fremder Herrschaft und einer gnadenlos resoluten Kirche. Die Stadt wurde Zeuge grosser Leidenschaften und grausamen Hasses.
Miroslav Hornícek schrieb einst:
“Als ich Prag entdeckte, war ich ganze zwanzig Jahre alt. Bevor ich hierherkam, wusste ich von der Stadt fast nichts. Ich hatte zwar von ihr gelesen und Bilder gesehen; aber sie war mir unbekannt und geheimnisvoll. So trat ich in ihr Innerstes ein, ohne Plan, ohne Gedanken, ohne Ziel. Ich weiss nur, dass da zuerst eine lange Strasse war, die an einem schwarzen Turm (dem Pulverturm, Anm. der Verf.) endete, der sich mir langsam näherte - das war schön und verwirrend wie im Traum. Ich überquerte den Ring (den Altstädter Ring, Anm der Verf.), verweilte vor der Statue des Ritters mit heruntergelassenem Visier, während es um mich herum still war und Schnee fiel. Ich ging irgendwo hindurch, irgendwohin; ich war nicht in Eile, überquerte die Moldau, irrte durch die Gässchen der Kleinseite. Zwischen den geduckten Häusern, ummauerten Gärten und versteckten Plätzenvergisst man immer wieder, den Blick zur prunkvollen Kathedrale hinauf zu richten, die hinter ihnen aufragt. Ich bog um eine Ecke und fühlte mich entrückt, nicht nur was den Ort angeht, sondern auch was die Zeit betrifft; ich wurde überrascht, getäuscht und verwirrt. Ich kam mir vor wie in einem schönen Fieber, wie im Irrwald eines Märchens.”

Dieser verwirrende, surreale Labyrinthcharakter der Stadt und die düsteren Schattenseiten ihrer Geschichte haben sicher auch bei ihren intellektuellen Sprösslingen Spuren hinterlassen und später kamen natürlich auch entscheidende umgekehrte Impulse… Prag ist die Stadt von Rilke, Kafka, Werfel, Neruda, Kisch, Brod oder Hasek. Clemens von Brentano, Adalbert Stifter als auch Franz Grillparzer machten sie zum Schauplatz klassischer Werke.

Auch Kafka war ein Fussgänger, ein nächtlicher Stadtwanderer… Zu seinen Streifzügen notierte er 1912:
“Wenn man sich am Abend endgültig entschlossen zu haben scheint, zu Hause zu bleiben…, wenn draussen ein unfreundliches Wetter ist, das das Zuhausebleiben selbstverständlich macht, wenn man jetzt auch schon so lange bei Tisch stillgehalten hat, dass das Weggehen nicht nur den väterlichen Ärger, sondern allgemeines Staunen hervorrufen müsste, wenn nun auch schon das Treppenhaus dunkel und das Haustor gesperrt ist und wenn man nun trotz alledem in einem plötzlichen Unbehagen aufsteht, den Rock wechselt, sofort strassenmässig angezogen erscheint, weggehn zu müssen erklärt, es nach kurzem Abschied auch tut…, wenn man sich auf der Gasse wiederfindet, mit Gliedern, die diese schon unerwartete Freiheit, die man ihnen verschafft, mit besonderer Beweglichkeit belohnen…, dann ist man für diesen Abend so gänzlich aus der Familie ausgetreten, wie man es durchdringender durch die entferntesten Reisen nicht erreichen könnte und man hat ein Erlebnis gehabt, das man wegen seiner für Europa äussersten Einsamkeit nur russisch nennen kann.” Das stimmungsvolle Prag vermag es, wie nur sehr wenige, erlesene Orte auf unserem Kontinent, Raum und Muße zur Rast zu gewähren. Die meditative Versenkung lässt sich in dieser Stadt laut mehrfacher Überlieferungen ausnahmsweise fabelhaft üben.

In diesem Sinne rät auch Miroslav Hornícek zum gezielten Verirren in Prag ein:
“Prag ist für mich eine ständige Entdeckung und ein immerwährendes Geheimnis geblieben. […]
Wenn ich Ihnen raten darf, so betreten sie die Stadt nicht mit einem Plan in der Hand. Lassen Sie sich in das Labyrinth hineinziehen. Schauen Sie nicht auf die Uhr, vergessen Sie den Kalender. Es ist nicht Mittag, es ist Mittelalter. Es ist nicht Juni, sondern die Zeit des Barock. […] Eile ist hier nicht nötig, von der Gotik zum Judenstil ist alles nahe. Geben Sie zufälligen Eindrücken, plötzlich aufsteigenden Freuden und der Ergriffenheit den Vorrang. Nur ohne Ziel lassen sich Musik und Poesie dieser Stadt erfahren.”

Man sagt sich, dass die Dämmerung dem gotischen und barocken Prag einen eigenartigen, mysteriösen Mantel umwirft. Die Figuren der Karlsbrücke stiegen dann von ihren Sockeln, um mit den nächtlichen Passanten zu plaudern. Vielleicht sind diese Wesen ein Grund, warum Kafka und seine Verbündeten so rastlos, furchtlos und stumm hinaus in die einsamen Prager Nächte marschierten…
Wir sind auf der Hut.

Sylvia Kitanova
Ulrike Gerhardt