Das Goethe-Institut als europäisches Kulturinstitut?

Der Brüsseler Spagat zwischen Eurokratismus und Kulturaustausch

Das Goethe-Institut versteht sich selbst und gilt auch in der Öffentlichkeit als „das weltweit tätige Kulturinstitut der Bundesrepublik Deutschland“. Selbiges in Brüssel wiederum betont in Internetauftritt und Statuten explizit seine zusätzliche Rolle als europäisches Kulturinstitut – eine Aussage, die einerseits irritiert ob der bekanntermaßen primär nationalen Ausrichtung des Goethe-Instituts und andererseits nicht sonderlich verwundert, scheint es doch in Politik und Öffentlichkeit inzwischen „sexy“ geworden zu sein, sich auf Europa und die „gemeinsamen europäischen Werte“ zu berufen. Was aber – neben dem Standortfaktor – macht gerade das deutsche Goethe-Institut in Brüssel zum angeblich europäischen Kulturinstitut?
Zum einen spielen europäische Themen neben deutsch-belgischen Aktivitäten tatsächlich in allen Bereichen des Instituts eine dominante Rolle. Dementsprechend werden Konferenzen und Kulturveranstaltungen immer in Zusammenarbeit mit anderen nationalen und europäischen Institutionen organisiert und unterstützt. Zudem ist das Goethe-Institut Brüssel aktives Mitglied von EUNIC (European Union National Institutes for Culture), einer Partnerschaft nationaler Kulturinstitute aus Europa, die gemeinsame Veranstaltungen und Projekte realisieren. Großprojekte von EUNIC Brussels waren im letzten Jahr beispielsweise ein europäisches Filmfestival, das das ganze Jahr über im Europäischen Parlament veranstaltet wurde, und das Projekt „Alter Ego“, an dem sich Jugendliche aus 22 EU-Mitgliedstaaten beteiligen konnten, indem sie ein doppeltes Portrait von sich und ihrem „Alter Ego“, d.h. einer Person aus einem anderen kulturellen Hintergrund, kreierten. Über die europäisch ausgerichtete Kulturarbeit hinaus agiert das Goethe-Institut Brüssel des Weiteren als interne Vermittlungsstelle zu den europäischen Institutionen: Im Rahmen der „EU-Verbindungsarbeit“ recherchiert es nach EU-Förderprogrammen, berät Goethe-Institute weltweit bei EU-relevanten Fragen und hilft bei der Antragstellung entsprechender EU-Projekte.
Auf der anderen Seite ist das Goethe-Institut Brüssel wie alle anderen Akteure an die Spielregeln der Eurokratenwelt Brüssels gebunden und schreibt diese gleichermaßen fort. Obwohl die vielen auch von den EU-Institutionen organisierten Brüsseler Veranstaltungen im Kulturbereich an sich von einem generellen Bewusstsein für die Wichtigkeit des kulturellen Austauschs in Europa zeugen, zeigt sich doch, dass dem anschließenden Empfang und der damit verbundenen Möglichkeit, wichtige Kontakte zu knüpfen, oft sehr viel mehr Bedeutung beigemessen wird als den Inhalten der vorhergegangenen Konferenz. Vor allem aber sind überwiegend nur solche Leute anwesend, die in den EU-Institutionen und EU-verwandten Bereichen arbeiten und somit sowieso über eine generelle Sensibilisierung für das jeweilige Thema verfügen. Dies gilt auch für eine Veranstaltung wie das oben erwähnte und ansonsten durchaus sinnvolle europäische Filmfestival. Somit haben die zahlreichen Konferenzen, Debatten & Co., die im Kulturbereich und insbesondere 2008 zum „Europäischen Jahr des interkulturellen Dialogs“ in Brüssel organisiert wurden und werden, nur eine sehr bedingte Auswirkung – den eigentlichen Bürger und Träger des kulturellen Kapitals erreichen sie kaum. Dagegen scheinen transeuropäische Projekte, die mit Hilfe von EU-Geldern finanziert werden, ein weitaus größeres Potential an „interkulturellem Dialog“ zu besitzen. Die Vergabe dieser EU-Gelder wird jedoch durch ein so komplexes Konstrukt an verschiedensten Förderprogrammen reglementiert, dass es mitunter sehr schwierig sein kann, überhaupt eine Förderung zu erhalten.
Solche Projekte, die den Bürger in ganz Europa involvieren, sind aber ausschlaggebend dafür, ob das Goethe-Institut Brüssel zusätzlich zu seiner nationalen bzw. bilateralen Ausrichtung tatsächlich als europäisch definiert werden kann. Denn neben der Kooperation mit anderen nationalen und europäischen Partnern, der Beschäftigung mit europäisch relevanten Themen und der Kommunikation mit der Institution EU – alles Aspekte, die das Goethe-Institut Brüssel erfüllt – gilt es vor allem, einen wirklichen Beitrag zum europäischen Erfahrungsaustausch zu leisten – und nicht nur in mehr oder weniger „internen“ Konferenzen darüber zu reden. Es gilt, die Menschen in Europa zu erreichen, sie Europa erfahren zu lassen – und den Mikrokosmos der Politbühne Brüssels zu verlassen. Nur dann macht es Sinn, von einem „europäischen Kulturinstitut“ zu sprechen. Projekte wie „Alter Ego“, an dem das Goethe-Institut Brüssel letztes Jahr beteiligt war, erscheinen diesbezüglich sehr viel versprechend.

Katharina Perge

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