Anbei ein Artikel aus der BZ.
Viele Grüße
Isabelle
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2009/0616/feuilleton/0033/index.html
Berliner Zeitung 16.06.2009 Feuilleton
UNTERM STRICH: HYPERMODERN
Die Textremisten
Peter Glaser
Es ist schon ein paar Jahre her, dass der hellsichtige Autor und Soziologe Michael Rutschky die Beobachtung gemacht hat, dass scheinbar keiner mehr lesen mag – alle wollen nur noch schreiben. Rutschky muss schon früh das Zeitalter der Blogs heraufdämmern gesehen haben.
Über 130 Millionen Blogs gibt es inzwischen weltweit. Im Schnitt werden innerhalb eines Tages 900 000 neue Beiträge in diesen Netzjournalen verfasst. 1,596 Milliarden Menschen waren im Mai 2009 online – 23,8 Prozent der Weltbevölkerung. Jeder zwölfte Internetbewohner bloggt also und trägt dazu bei, dass eine formidable Textflutwelle an die Bildschirme des Planeten brandet.
Dieser immense Zustrom bedeutet eine immer größere Vielfalt an Meinungen, Informationen, Lesenswertem. Allerdings hat diese Vielfalt einen Preis: Was herkömmlich in den Rubriken von Zeitungen und Zeitschriften und den Programmschemata von Radio- und Fernsehsendern vorgeordnet wurde, wird nun entbündelt. Textatome fliegen uns um die Ohren, als hätte eine kulturelle Nuklearexplosion stattgefunden. Musiker verkaufen im Netz keine Alben mehr, sondern Tracks. Ähnlich geht es nun in der Online-Textwelt zu, in der ein flatterhafter Leser durch riesige Textmengen streift und sich hier und da und dort für einen einzelne Artikel oder eine Geschichte entscheidet.
Um nicht komplett unterzugehen in dieser Übermenge an Geschriebenem, gibt es drei mögliche Strategien: Redaktion, Aggregation und Ignoranz. Ignoranz ist eine der stärksten Waffen im Kampf gegen Überinformation und schenkt uns ein gewisses Gefühl der Souveränität. Redaktion heißt, dass wir nun in der Internet-Ära alle dazu verdammt sind, Journalisten zu sein und ein Gefühl für Qualität zu entwickeln. Und Aggregation heißt, dass aus den Textatomen schnell wieder Moleküle werden – vollautomatisch wie bei Google News oder sorgsam oder spielerisch von Hand, wie es vielfach im Netz bereits geschieht.
Zu den Blogs kommen noch weitere digitale Schreibgelegenheiten wie Facebook mit 200 Millionen Nutzern oder Twitter mit 14 Millionen Nutzern in den USA und etwa 70 000 in Deutschland – und nicht zu vergessen, der Kurztextklassiker SMS. Im Januar 2009 erhielt Greg Hardesty aus dem kalifornischen Silverado Canyon die Handy-Rechnung seiner Tochter Reina. Sie war 440 Seiten lang und verbuchte 14 528 SMS (im Schnitt 484 Kurztexte pro Tag). Hardestys Glück war, dass er eine Flatrate ohne SMS-Begrenzung hat.
Es soll aber niemand glauben, dass die Vielschreiberei ein Phänomen ist, das erst jetzt in der digitalen Ära zum Vorschein kommt. Einer der exzessivsten Proto-Blogger war Buckminster Fuller, der als Architekt und Erfinder des geodäsischen Doms alias Bucky-Balls berühmt wurde. Fuller war in vielerlei Hinsicht extrem. Er war viel mit dem Flugzeug unterwegs, durchquerte entsprechend oft verschiedene Zeitzonen und trug drei Uhren: eine mit der aktuellen Zeit, eine mit der Uhrzeit der Zeitzone, die er gerade verlassen hatte und eine für die Zone, die als nächste kam.
Und Fuller dokumentierte außerdem sein Leben in einer nahezu unglaublichen Ausführlichkeit: Von 1915 an schrieb er 68 Jahre lang alle 15 Minuten einen Eintrag in ein Journal. Manche behaupten, dass es sich dabei um das am umfangreichsten dokumentierte Leben eines Menschen handelt. Als Buckminster Fuller am 1. Juli 1983 starb, hinterließ er 80 laufende Meter an Notizbüchern – er nannte das Projekt sein Dymaxion Chronofile. Das Wort Dymaxion ist eine Markenbezeichnung, die Fuller für verschiedene seiner Erfindungen benutzte. 1928 hatte es der Reklamefachmann Waldo Warren für ihn aus den Begriffen DYNamic, MAXimum und tensION erschaffen; Warren hatte sich bereits durch die Erfindung des Worts “Radio” für das, was zuvor “the wireless” geheißen hatte, einen Namen gemacht.
Die immer eingehenderen Aufzeichnungen, mit denen wir es zu tun haben, werfen ein Problem auf, das der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges in seiner Erzählung “Von der Strenge der Wissenschaft” beschrieben hat. Es geht darin um ein Reich, in dem die Kunst der Kartographie eine solche Vollkommenheit erreicht hat, dass eine Karte entsteht, “die genau die Größe des Reiches hatte und sich mit ihm an jedem Punkte deckte”. Aber eine Karte, die genauso detailliert ist wie die Wirklichkeit, verliert ihre Funktion. Vive la Redaktion!